Eine zweite Möglichkeit
In „Briefträgerkind“ erzähle ich, wie ich trotz intensiver Vorbereitung bei der Aufnahmeprüfung für die HTL durchfiel. Ich musste in die Polytechnische Lehranstalt, wollte aber weiterhin Elektrotechnik lernen. Also lag ich meiner Mutter jeden Tag damit in den Ohren. Sie fuhr zum Landesschulinspektor nach Linz und sprach für mich vor; ich durfte wechseln. Sechs Schuljahre später hielt ich das HTL-Abschlusszeugnis in Händen.
Ich hatte offenbar mehr Ausdauer beim Lästigsein als beim richtigen Ankreuzen. Auch ein Talent. Für das es zum Glück kein Zeugnis gab.
Eine Geschichte über die Kraft des positiven Denkens? Für mich gehören vor allem die Unterstützung meiner Mutter, eine zweite Möglichkeit und sechs Jahre Arbeit dazu. Ohne diese drei Dinge wäre die hübsche Überschrift ziemlich dünn.
Nachsicht und der nächste Versuch
Breines & Chen (2012) haben in einem Experiment mit 86 Studierenden festgestellt, dass die zu Selbstmitgefühl ermutigte Gruppe nach einem schwierigen Test länger für den nächsten Test lernte als die Vergleichsgruppe ohne diesen Hinweis. Bessere Testergebnisse waren dadurch noch nicht belegt.
Die innere Gutachterkommission dürfte also gelegentlich einen freundlicheren Vorsitz vertragen.
Wang, Wang & Gai (2021) fanden in einer Metaanalyse einen durchschnittlichen Vorteil beim Erreichen von Zielen, wenn Wunsch, Ergebnis, Hindernis und Wenn-dann-Plan verbunden wurden. Die Wirkung variierte; Unterstützung und passende Rahmenbedingungen ersetzt ein Plan nicht.
Vielleicht brauchst Du eine Rückmeldung oder Unterstützung. Vielleicht einen anderen Weg. Und manchmal ist es vernünftig, ein Ziel loszulassen. Jede geschlossene Tür persönlich zu beleidigen, macht sie selten beweglicher.
Auch Führung kann hier helfen: Was ist noch möglich, wer entscheidet, und welche Unterstützung gibt es? Ein „Wir schaffen das!“ schafft allein noch keine zusätzliche Arbeitszeit.
Enttäuschung darf da sein. Du musst heute nicht wissen, wie die ganze Geschichte ausgeht. Vielleicht reicht es, dem nächsten Kapitel noch eine Chance zu geben.
DENK MAL DRÜBER NACH
Drei Fragen für Deinen nächsten Schritt
Was ist tatsächlich gescheitert – und welches größere Urteil mache ich daraus?
Welche Rückmeldung oder Unterstützung würde mir jetzt helfen?
Wenn ich morgen wieder daran festhänge: Was werde ich konkret tun?
Zum Beispiel: „Wenn ich nach dem Frühstück die Absage wieder lese, schreibe ich eine sachliche Frage nach Feedback.“ Kein Lebensumbau. Ein kleiner Versuch.



