Es ist 06:45 Uhr. Ziemlich früh für ein Interview. Aber in knapp einer Stunde werde ich feststellen, dass ein Morgen nicht besser starten kann. Dass ein Gespräch mit Oskar Kern wie ein Weckruf ist. Und brauchen wir den nicht eigentlich jeden Morgen? Um nicht doch wieder in den alten Trott zu fallen. Um uns nicht doch wieder zu verbiegen. Dinge zu machen, die man halt so macht. Weil das Umfeld es erwartet. Weil wir irgendwann beschlossen haben, dass dieser Weg vernünftig ist. Und weil wir verdammt gut darin geworden sind, ein Leben weiterzuführen, das von außen ganz toll aussieht.
Wir stehen auf, ziehen uns an, arbeiten unsere Termine ab, antworten auf Nachrichten, treffen Entscheidungen, kümmern uns, organisieren, funktionieren. Oft sogar ziemlich erfolgreich. Nur eine Person kommt in diesem perfekt getakteten System erstaunlich selten vor: wir selbst. „Wo bin eigentlich ich?“, fragt Oskar irgendwann in unserem Gespräch. Also wo bin ich zwischen der Person auf meiner Visitenkarte und jener, die übrig bleibt, wenn man all die Bezeichnungen weglässt?
Oskar Kern stellt sich nie als Manager vor. Als Geschäftsführer eines großen österreichischen Traditionsunternehmens, der fast 2.000 Menschen führt. Als jemand, der große Projekte meistert, ebenso große Entscheidungen trifft und noch größere Verantwortung trägt. Er ist einfach der Oskar, ein Briefträgerkind, aufgewachsen im Mühlviertel. Jemand, der nicht darüber sprechen möchte, wie man möglichst schnell nach oben kommt. Sondern darüber, wie man auf dem Weg dorthin nicht sich selbst verliert.
„Du bist OK. Mach was draus.“ So heißt Oskar Kerns Buch. Zwei kurze Sätze, zwischen denen eine Spannung liegt, die sich nicht so leicht auflösen lässt. Wenn ich okay bin, warum soll ich dann etwas aus mir machen? Vielleicht liegt genau darin das Missverständnis unserer Zeit. Wir glauben, Selbstannahme bedeute, alles so zu lassen, wie es ist. Und Veränderung müsse damit beginnen, dass wir uns selbst für ungenügend erklären. Oskar sieht das anders. „Einen anderen Oskar gibt es nicht.“ Gegen die eigene Ausgangslage zu kämpfen, bringe nichts. „Ich komme aus einer armen Familie – wirtschaftlich gesehen. Herzlich waren wir Multimilliardäre.“ Es gab kein Netzwerk, das ihm Türen öffnete, kein eigenes Gewand. Dafür abstehende Ohren und keine besonders glänzenden Schulnoten. Und eine Oma, die einen Satz immer wieder gesagt hat: „Das ist schon okay so.“
„Wenn ich in meinem Leben immer damit hadere, dass meine Nase nicht passt, ich drei Kilo zu viel habe oder noch immer keinen Porsche besitze, obwohl der Nachbar schon zwei hat, wird es schwierig“, sagt Oskar. Denn dann beschäftigt man sich mit dem Außen. Mit dem Umfeld. Mit dem, was andere haben. Nur nicht mit sich selbst. Dieses „Du bist OK“ soll daher der Moment sein, in dem wir aufhören, unsere Energie dafür zu verbrauchen, gegen uns selbst anzutreten.
Dann kommt der Wecker: „Mach was draus!“ Und nein, bitte nicht die Schlummertaste drücken. Wir sind erstaunlich gut darin, das Aufwachen zu verschieben. Noch nicht jetzt. Erst, wenn die Kinder größer sind. Wenn das Projekt abgeschlossen ist. Wenn die wirtschaftliche Lage stabiler wird. Wenn wir mehr Zeit, mehr Geld, mehr Sicherheit, mehr Mut haben. „Wir können nicht ein Leben lang warten, dass jemand anderer bemerkt, was wir brauchen. Wir können nicht immer hoffen, dass die EU, die Politik, die Familie das richtet.“ Eigenverantwortung klingt oft hart. Nach Disziplin. Nach: „Reiß dich zusammen!“ Bei Oskar klingt sie anders. Mehr nach Möglichkeit. Selbst in schwierigen Situationen, sagt er, bleibe uns etwas, das uns niemand nehmen kann: die Chance, eine Entscheidung zu treffen und die Hoffnung.
Das tun wir nur leider meist erst dann, wenn der Wecker so abartig laut ist, dass man ihn gar nicht überhören kann. „Das Leben versucht es zuerst meist leise.“ Wir spüren, dass etwas nicht stimmt. Und machen den Fernseher an, scrollen am Handy rum. Buchen die nächste Reise, kaufen etwas, arbeiten noch mehr. Hauptsache, es bleibt laut genug, um den Weckruf zu übertönen. „Solange wir im Lauten bleiben, haben wir irrsinnig gut gelernt, uns abzulenken“, sagt Oskar. Lärm ist praktisch, er lässt keine Fragen durch. Oskars Vorschlag ist unspektakulär. Gerade deshalb könnte er funktionieren: „Richte dir einen Termin für dich selber ein.“ Keine stundenlange Meditation. Kein Retreat am anderen Ende der Welt. Ein Termin. Mit jener Person, die im eigenen Kalender sonst kaum vorkommt. Und dann zwei Fragen: Wer bin ich? Und warum?
Manche Signale hören wir nicht, weil sie zu leise sind. Andere, weil sie uns zu selbstverständlich vorkommen. Das Talent, das uns mühelos gelingt, halten wir oft für nichts Besonderes. Wir suchen nach dem Außergewöhnlichen – und übersehen dabei genau das, was immer schon da war. Oskar erzählt von seinem Sohn Simon. Er absolvierte die HTL für Elektrotechnik und schwor danach, nie wieder in diesem Bereich zu arbeiten. Also studierte er Betriebswirtschaft. Technische Ausbildung plus Wirtschaftsstudium – die perfekte Ausgangslage für ein Traineeprogramm und eine Karriere, die auf dem Papier beeindruckend aussehen würde. Und dann? Beginnt Simon bei einem großen Industriebetrieb in der Werkstatt als Mechaniker. „Simon, ich bin so stolz auf dich“, sagt Oskar. „Du machst jetzt genau das, worin du talentiert bist.“ Schon als Dreijähriger konnte Simon Dinge gut zusammensetzen. Mit vier Jahren las er Pläne, ohne zu wissen, dass das, was er da betrachtete, ein Plan war. Er konnte es einfach.
Genau darin liegt das Problem. Was uns leichtfällt, nehmen wir selten ernst. Wir suchen unsere Talente dort, wo es anstrengend aussieht. Wo es eine Ausbildung braucht. Einen Titel. Ein Zertifikat. Wo es einen Beweis dafür gibt, dass wir etwas offiziell dürfen. Aber wer wir sind und was wir können, steht auf keinem Zettel. Oskar ermutigt Menschen, dorthin zu schauen, wo etwas in den Fluss kommt. „Wenn du auf deine Berufung draufkommst, kriegst du in deinem Leben so einen Flow.“ Das bedeutet nicht, dass alles leicht wird. Aber es wird stimmiger.
Vielleicht müssen wir dafür keine neue Karriere beginnen. Vielleicht reicht es, die alte nicht länger nach fremden Vorstellungen zu führen. Nicht jede exzellente Technikerin muss zur mittelmäßigen Führungskraft werden. Nicht jeder Mensch muss dorthin aufsteigen, wo die Visitenkarte größer und die Freude kleiner wird. „Wir haben gelernt, Karriere mit Hierarchie zu verwechseln. Vielleicht bedeutet Karriere manchmal auch, genau dort zu bleiben, wo man richtig gut ist.“
Jahrzehntelang hat uns die Schule beigebracht, was als Erfolg gilt: möglichst wenige Fehler. Wer keine Fehler macht, bekommt die gute Note. Wer die gute Note bekommt, hat alles richtig gemacht. „Wenn das Fehlen von Fehlern sehr gut ist, tun wir irgendwann nur noch Dinge, die wir vorher üben können“, sagt Oskar. Wir bleiben dort, wo wir Expertise haben. Wo wir uns sicher fühlen. Wo die Wahrscheinlichkeit klein ist, uns zu blamieren. Das klingt vernünftig. Und könnte gerade jetzt ein fataler Fehler sein. „Denn während sich die Welt immer schneller verändert, perfektionieren wir die Vergangenheit. Wir werden hervorragend in dem, was gestern funktioniert hat – und verlieren das Gespür dafür, was morgen gebraucht wird.“
Genau dieses Gespür hält Oskar für entscheidend. Die Fähigkeit, zu unterscheiden: Was könnte gut sein? Was schlecht? Was stammt von einer Künstlichen Intelligenz? Und wo hat ein Mensch wirklich hingeschaut, gefühlt, verbunden? „Das Gespür wird uns die KI nie abnehmen.“ Nur damit können wir auch Entscheidungen treffen, die uns weiterbringen. Mit Vertrauen in uns. Und mit dem Vertrauen darauf, dass es völlig okay ist, wenn wir dabei Fehler machen. Mit dem Vertrauen in den ersten Schritt, der noch kein Manöver ist, aber den Kurs legt. Oskar liebt Vergleiche. Er erzählt von einem großen Boot. Einige Menschen dürfen ans Steuer, sie drehen es nach rechts – und erwarten, dass sich der Kurs sofort verändert. Aber nichts passiert. Das Boot fährt weiter geradeaus, Meter um Meter. Als hätte die Bewegung am Steuer überhaupt nichts bewirkt. Erst nach ungefähr fünfzig Metern beginnt es langsam, sich zu drehen. Der Kapitän erklärt: „Interaktion im Leben erfordert Geduld.“
Als unser Gespräch endet, ist der Morgen längst da. Draußen ist es heller geworden. Und irgendwie auch drinnen. Oskar Kern hat in dieser Stunde keine Patentrezepte verteilt. Er hat nicht versprochen, dass jede Entscheidung richtig sein wird. Dass Mut keine Angst kennt. Dass Talent automatisch zum Erfolg führt. Oder dass ein einziger Schritt schon das ganze Leben verändert. Der Wecker ist nur ein Wecker. Er erinnert uns nur daran, dass es Zeit ist. Zeit, uns nicht länger mit einem Leben zufriedenzugeben, das von außen ganz passabel aussieht, sich innen aber immer weniger nach unserem anfühlt.
Der Wecker hat geläutet. Aufstehen müssen wir selbst.
(c) 2026 die macher - Susanna Winkelhofer, Fotos - Antje Wolm

