Stell Dir vor, ein Unternehmen sucht einen Menschen fürs Team. Motiviert soll er sein, eigenständig, mit Freude am Umgang mit anderen. Damit das möglichst menschlich klingt, schreibt die KI die Stellenanzeige.

Auf der anderen Seite sitzt jemand, der tatsächlich Freude am Umgang mit anderen hat. Die KI liest für ihn das Inserat und schreibt eine Bewerbung, die so gut dazu passt, dass man meinen könnte, beide Texte hätten sich schon einmal getroffen. Haben sie vielleicht auch. Zumindest arbeiten sie in derselben Branche.

Jetzt kommen die Bewerbungen herein. Das Unternehmen lässt sie von der KI vergleichen. Wer herausfällt, bekommt eine freundlich formulierte Absage. Wer weiterkommt, bekommt eine Einladung zum Gespräch. Mit einem Chatbot. Damit sich das Gespräch nachher besser auswerten lässt.

Am Ende sind alle Unterlagen vollständig. Vom Menschen fehlt noch jede Spur.

Wenn mehr Text weniger sagt

Wiles und Horton (2026) haben in einem randomisierten Feldexperiment auf einem Online-Arbeitsmarkt festgestellt, dass Unternehmen mit angebotenen KI-Entwürfen häufiger Stellen ausschrieben, ohne dass in dieser Gruppe nachweisbar mehr Aufträge zustande kamen. Die Anzeigen waren im Schnitt allgemeiner und für Bewerbende weniger informativ. Der Befund stammt aus einem Arbeitspapier über eine einzelne Plattform.

Wiles, Munyikwa und Horton (2025) haben in einem anderen Feldexperiment festgestellt, dass Bewerbende mit einer algorithmischen Rechtschreib- und Grammatikhilfe für ihren Lebenslauf häufiger eingestellt wurden. Die Hilfe überarbeitete die vorhandenen Texte. Die Erfahrungen darin mussten die Bewerbenden schon selber mitbringen.

Genau da liegt für mich der Unterschied. Wenn jemand eine gute Arbeit macht und sich beim Schreiben schwertut, darf ein Programm gern beim Formulieren helfen. Ich würde auch niemanden nur deshalb zum Vorstellungsgespräch einladen, weil er alle Beistriche richtig gesetzt hat. Aber wenn die Anzeige so glatt ist, dass jedes Unternehmen dahinterstecken könnte, und die Bewerbung so glatt, dass jeder Mensch hineinpassen würde, was genau vergleichen wir da eigentlich?

Wer sitzt am anderen Ende?

In „Briefträgerkind“ erzähle ich von einem Galadinner, bei dem zwei junge Männer beim Aperitif lieber einen Spritzer im Stammbeisl gehabt hätten. In einem Saal voller Titel ist mir gerade dieses Gespräch hängen geblieben. In ein paar Sätzen erfuhr ich etwas über die beiden. Der Bellini war dabei eher Nebensache.

Eine Bewerbung kann mir sagen, wo jemand gearbeitet hat. Im Gespräch kann ich nachfragen, was er getan hat, als dort einmal etwas daneben ging. Und er kann mich fragen, was bei uns passiert, wenn jemand einen Fehler macht. Mit ein bisschen Glück kommen wir dabei beide kurz von unserem einstudierten Text ab. Dort wird es interessant.

Denk mal drüber nach

An welcher Stelle in Eurem Bewerbungsablauf kommt zum ersten Mal ein echtes Gespräch zustande? Nimm Dir beim nächsten Mal zehn Minuten für eine Frage, die Du selbst auch beantwortest. Zum Beispiel: „Wann hast Du zuletzt bei der Arbeit um Hilfe gebeten?“ Wer sich bei Euch bewirbt, darf genauso neugierig sein wie Ihr.

Wer Menschen führen will, muss sich mit Menschen auseinandersetzen und sie mögen. Das darf ruhig schon beim Bewerben anfangen. Für den Rest gibt es eine höfliche Mail, eine ordentliche Terminbestätigung und wahrscheinlich demnächst einen Chatbot, der sich bei einem anderen Chatbot für das angenehme Gespräch bedankt.

KI – komplett idiotisch.

Wer beim Gedanken an den Menschen hinter der Funktion weiterlesen mag, findet auf meiner Produktseite das Buch „Du bist OK. Mach was draus.“.

Dass es nie um die Funktion ging. Immer um den Menschen dahinter.

Oskar Kern · „Du bist OK. Mach was draus.“, Manuskriptfassung vom 03.08.2026, S. 9.

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