Angenommen, in einer Besprechung fällt der Satz: Das haben wir schon immer so gemacht.
Damit ist immerhin geklärt, seit wann wir etwas tun. Ob es noch sinnvoll ist, wissen wir deshalb nicht. Mich interessiert an solchen Sätzen die Frage dahinter: Welches Problem lösen wir damit heute eigentlich?
Eine gute Frage kann ein Gespräch an dieser Stelle wieder öffnen. Dafür braucht es keine Toga. Ein wenig Neugier genügt für den Anfang.
Wissen beginnt mit genauem Hinsehen
In Platons „Apologie“ begegnet uns Sokrates als jemand, der vermeintliches Wissen prüft. Er spricht mit Menschen, die als kundig gelten, und untersucht, wie weit ihr Wissen tatsächlich reicht. Dabei wird der Unterschied zwischen Nichtwissen und der irrigen Überzeugung, etwas zu wissen, entscheidend.
Im Dialog „Euthyphron“ fragt er genauer nach, was mit einem Begriff gemeint ist. Ein einzelnes Beispiel reicht ihm als Erklärung nicht. Er will verstehen, woran sich das Gemeinte erkennen lässt.
Für mich liegt darin eine Haltung, die auch heute trägt: Ich darf überzeugt sein und trotzdem bereit bleiben, meine Überzeugung zu überprüfen. Gerade dann, wenn andere sich auf mein Urteil verlassen.
Drei Fragen, die ich daraus mitnehme
Was meinen wir genau?
Wir sprechen von Verantwortung, Vertrauen oder Erfolg. Nur meinen wir damit womöglich Verschiedenes. Bevor wir über Lösungen diskutieren, hilft ein konkretes Beispiel: Woran würden wir im Alltag erkennen, dass jemand Verantwortung übernimmt?
Worauf stützen wir unsere Einschätzung?
Eine Beobachtung ist etwas anderes als eine Vermutung. Aus einer verspäteten Antwort wird schnell mangelndes Interesse. Vielleicht stimmt die Deutung. Vielleicht kennen wir den Grund noch nicht. Nachfragen gibt dem anderen die Möglichkeit, seine Sicht einzubringen.
Was könnte gegen unsere Annahme sprechen?
Diese Frage richtet sich auch an mich selbst. Welche Information würde mich dazu bringen, meine Einschätzung zu ändern? Wenn mir nichts einfällt, lohnt sich ein zweiter Blick. Sonst ist aus einer Überzeugung womöglich eine Einbahnstraße geworden.
Meine Großmutter kam ohne Lehrstuhl aus
In „Du bist OK. Mach was draus.“ erzähle ich, wie meine Großmutter uns vor dem Hinausgehen in den Wald anhielt. Wenn wir Geschichten über andere hörten, sollten wir uns selbst einen Eindruck verschaffen. Wir nickten. Wir wollten schließlich raus.
Der Gedanke blieb. Heute verbindet er sich für mich mit einer einfachen Frage: Habe ich diesen Menschen schon selbst gefragt, bevor ich mir ein Urteil über ihn bilde?
Auch die eigene Antwort verdient eine Rückfrage
Fazio (2020) stellte in einem Online-Experiment mit 501 Menschen fest: Wer begründete, warum eine Schlagzeile wahr oder falsch sei, gab eine geringere Bereitschaft an, falsche Meldungen zu teilen. Gemessen wurden Teilungsabsichten, keine tatsächlichen Klicks. Das Experiment prüfte keine Führungsgespräche und auch nicht die gesamte sokratische Methode.
Ich nehme daraus eine Anregung mit: die eigene Gewissheit gelegentlich erklären zu müssen. Fragen sollten dabei ehrliches Interesse zeigen. Ein Verhör mit freundlichem Lächeln bleibt ein Verhör. Wer fragt, sollte auch eine Antwort zulassen, die den eigenen Plan verändert.
Denk mal drüber nach
Bei welcher aktuellen Einschätzung wäre es hilfreich zu fragen: Was könnte ich übersehen haben?
Nimm diese Frage in Dein nächstes Gespräch mit. Höre die Antwort zu Ende an und prüfe anschließend, ob sie Deine Einschätzung ergänzt oder verändert. Ein Gespräch genügt für den ersten Versuch.






